Die Energiewende verändert nicht nur den Netzbetrieb, sie greift auch tief in die Technik- und Marktsysteme. Für die CONSULECTRA GmbH erläutern Carsten Saldenholz,
Bereichsleiter Energiewirtschaftliche Strategieberatung, und Julian Beyer, Bereichsleiter Schaltanlagen und Netze, die jetzt erforderlichen Strategien.
Gemeinsam die Energiewende umsetzen – von der Strategie bis zur Inbetriebnahme
Herr Saldenholz, Herr Beyer, wie verändert sich die Energieinfrastruktur – und wo werden wir in den nächsten Jahren noch weitere große Veränderungen erleben?
CS: In meiner Wahrnehmung funktioniert die überregionale Stromversorgung auf der Hoch- und Höchstspannungsebene bereits ziemlich gut. Die große Herausforderung liegt jetzt jedoch im Boden, genauer gesagt in der Niederspannung: Wir müssen die unterschiedlichen lokalen Netze aufeinander abstimmen. Wenn wir Wärme künftig nicht mehr aus Gas, sondern elektrisch oder über Nahwärmenetze erzeugen, wirft das komplexe Planungsfragen auf. Wir müssen dringend klären, wie wir diesen Ausbau auf der Verteilnetzebene synchronisieren.
JB:Wir sehen einen großen Investitions- und Planungsbedarf in allen Spannungsebenen. Getrieben durch die Anschlüsse von Großspeichern und Großwärmepumpen in der Hochspannung und neuen Netzkunden in der Fläche der Mittel- und Niederspannungsnetze. Die Netzbetreiber und die Stadtwerke haben sich zu den neuen Infrastrukturen natürlich ihre Gedanken gemacht – und stellen jetzt fest, was sie dafür alles tun müssen.
CS: Im Haus ist es so: Man baut Steckdosen ein, steckt ein Gerät rein und der Strom fließt. Wie viel Leistung an welcher Dose genau gezogen wird, weiß man nicht. Genau so betreiben wir aktuell noch unser Stromnetz. Die Hausanschlüsse sind oft auf 15 kW ausgelegt – da kann es schon eng werden, wenn zur Waschmaschine, Trockner und Geschirrspüler gleichzeitig noch die Wärmepumpe laufen soll. Wenn jetzt noch das E-Auto dazukommt, wird es für das System schwierig. Uns fehlt im Netz einfach die Transparenz. Wir brauchen dringend mehr Digitalisierung, um die Lastflüsse überhaupt zu verstehen. Sobald neue Großverbraucher oder Speicher dazukommen, müssen wir komplexe Netzberechnungen anstellen. Dafür braucht man spezielle IT-Systeme. Genau das ist die riesige Herausforderung, vor der die Netzbetreiber heute stehen.
Was bedeuten diese Veränderungen für die Energieversorger und Netzbetreiber?
JB: Die wirtschaftlichste Lösung ist eine Mischung aus Netzausbau und vor allem Digitalisierung und Zustandsüberwachung,
Man muss sich fragen: Wie stark sind meine Betriebsmittel zum Zeitpunkt X eigentlich ausgelastet? Was kann ich durch das Regeln und Steuern von Verbrauchern erreichen? Bei dieser Digitalisierung stehen wir aber noch ganz am Anfang. Die Niederspannungsnetze sind aktuell eine Blackbox: Oben geht Strom rein, und unten hängen dann der Geschirrspüler, der Wäschetrockner oder die Waschmaschine dran. Eine echte Zustandserkennung und zu wissen, wie die Stromflüsse im Netz aussehen, ist die große Aufgabe. Die ersten digitalen Ortsnetzstationen sind zwar schon verbaut, aber bis das flächendeckend läuft, dauert es noch.
Wie unterschiedlich weit sind die verschiedenen Stadtwerke denn hierzulande?
CS:Das hängt von der Größe ab. Stadtwerk ist nicht gleich Stadtwerk. Wenn wir uns eine Kommune mit 30 000 Einwohnenden angucken, hat das Netz vielleicht so 150 bis 200 Ortsnetzstationen, die ertüchtigt und digitalisiert werden müssen. Wenn die im Jahr etwa 15 Stück schaffen, dann sind die einfach 10 bis 15 Jahre damit beschäftigt, ihr Netz in den Stationen digital aufzurüsten. Und 15 Jahre sind eine Ewigkeit! Bei den großen Stadtwerken – ob Köln, Mannheim, München und so weiter – sieht das anders aus. Da stehen ganz andere Ressourcen und Mitarbeitende zur Verfügung. Sie sind vielleicht an der einen oder anderen Stelle schon weiter, sind schneller und haben mehr aufgebaut.
Die echte Herausforderung liegt aber in der kulturellen Veränderung und der Haltung gegenüber der Digitalisierung bei den kleineren Stadtwerken. Die müssen sich zusammentun, gemeinsam arbeiten und mehr über Dienstleistungen organisieren.
JB:Die Größe der Stadtwerke und ihr Versorgungsgebiet sind hier absolut ausschlaggebend. Kleinere Stadtwerke betreuen oft ländlichere Netzstrukturen. Das Problem bei diesen ländlichen Netzen ist, dass dort gefühlt jeder Hof eine riesige PV-Anlage installiert und der Nachbar vielleicht noch eine Biogasanlage betreibt. Mit diesen Erzeugungsanlagen haben wir dort viel stärker zu kämpfen als in einem städtischen Netz. In den kleineren Stadtwerken ist die Personaldecke dünn. Oft kümmert sich ein einziger Kollege um den Strom und wahrscheinlich nebenbei auch noch um das Thema Glasfaser. Das ist ein anteilig sehr großer Kundenstamm, der gerne bei uns anklopft und nach Unterstützung durch Engineering- oder Beratungsdienstleistungen fragt. Diese kleineren Stadtwerke sind von der Versorgungsfläche her oft mit den großen vergleichbar.
Was ändert sich vor Ort bei den Verbrauchern, die zunehmend auch als Erzeuger agieren können?
CS:Das ist gerade schwierig. Dass der Gesetzgeber die Förderung für private Häuslebauerinnen und -bauer zurückgefahren hat, verstehe ich. Wer ein Einfamilienhaus baut, braucht nicht zwingend Zuschüsse – das lohnt sich wirtschaftlich von selbst. Allerdings führt das zu weniger Kleinanlagen. Volkswirtinnen und Volkswirte sagen ohnehin, dass größere PV-Parks wegen der Kostenvorteile mehr Sinn ergeben. Die Leidenschaft der Kundschaft für private PV-Anlagen und Heimspeicher geht also vielleicht etwas zurück. Die E-Mobilität wird aber jeden Tag wichtiger. Wir brauchen deutlich mehr Ladepunkte für E-Autos, weil die Reichweiten noch begrenzt sind und man Pausen oder die Nacht zum Laden nutzen muss. Es verändert sich gerade alles, aber wir wissen noch nicht genau, wie wir in Zukunft unterwegs sein werden. Nehmen wir das Thema Energy-Sharing: Strom mit der Nachbarin, dem Nachbarn zu teilen, ist eine super Idee. Aktuell kriegen wir das mit unseren Marktregeln aber nicht einfach abgewickelt. Der BDEW hat Vorschläge dazu, aber die Umsetzung ist extrem komplex, weil alle 895 Netzbetreiber ihre ERP-Systeme anpassen müssen.
Wie kommen mittelgroße Stadtwerke schneller von der IstSituation zu SollProzessen?
JB:Bei den Gesprächen mit den Stadtwerken und Netzbetreibern spielt die Strategie eine ganz entscheidende Rolle. Alle überlegen gerade: Wie sollen wir das zeitlich überhaupt schaffen? Wie der Kollege schon sagte: Eigentlich müsste man 15 oder sogar 100 Stationen im Jahr umbauen. Die Devise muss sein, gemeinsam die Energiewende umzusetzen – von der Strategie bis zur Inbetriebnahme. Wie kriegt man das hin? Die strategischen Kernfragen lauten also: Wie beschleunigen wir die Planung und die Genehmigungen? Und wie optimieren wir den Einkauf? Dazu haben wir mit unseren Kunden schon diverse Überlegungen angestellt. Man muss das Rad ja nicht jedes Mal neu erfinden. Können wir Stationen nicht standardisieren, statt immer wieder in eine aufwendige Manufakturplanung einzusteigen? Ein riesiges Nadelöhr sind heute
die Genehmigungsverfahren, die einfach zu lange dauern. Lösungen liegen oft in Kooperationen und Partnerschaften. Beim Einkauf hilft ein Standardwarenkorb oder Rahmenverträge mit Lieferanten, die uns die elektrische Infrastruktur schlüsselfertig hinstellen. Wir planen dafür mit den Kunden passende Leistungsverzeichnisse und Materiallisten.
CS:Entscheidend ist auch das Zusammenspiel zwischen Kommune und Stadtwerk: Spielt das Bauamt mit? Können wir vereinfachte Verfahren für den Ausbau in der Stadt entwickeln, statt für alles einen Einzelantrag zu stellen? Nicht jedes Kabel zu einer neuen Wallbox braucht ein komplettes Planfeststellungsverfahren. Wir brauchen hier dringend eine pragmatische Herangehensweise. Das gilt übrigens auch für die Hersteller. Die Inbetriebnahme- und Prüfprozesse dauern manchmal ein halbes Jahr. Da steht die fertige Anlage bereit, kann aber nicht ans Netz, weil die letzte Zulassung fehlt. Die Hersteller haben also nicht nur Probleme bei der Produktion, sondern auch beim gesamten Prozess danach. Wir müssen das gemeinschaftlich so organisieren, dass wir die Infrastruktur nutzen können – und zwar deutlich schneller.
Welche aktuellen Beispiele machen Ihnen Mut, dass die Energiewende nun doch Fahrt aufnimmt?
CS: Im täglichen Arbeiten mit den Kolleginnen und Kollegen sehen wir, dass es eindeutig vorangeht. Natürlich stößt man immer wieder auf Hürden und manchmal herrscht morgens auch einfach schlechte Laune. Aber die Menschen, die in der Energieversorgung arbeiten, kümmern sich darum, dass wir die Energiewende schaffen und umsetzen. Wir sind hier auf einem unumkehrbaren Weg, wir drehen die Welt nicht mehr zurück. Wenn man sich allein die Speicherzahlen anguckt, die jährlich eingebaut werden – das ist ein Wachstum von 40 Prozent. Selbst wenn das vielleicht mal etwas runtergeht: Wir haben in Deutschland ein unglaubliches Potenzial für alles, was da noch dazukommt.
JB: Wir sehen die Fortschritte ganz konkret in den Projekten, die wir betreuen: Wo bisher unser Gasnetz lag, brauchen wir es in Zukunft nicht mehr. Wir sind voll dabei und schauen uns das Stromnetz genau an, um zu prüfen, wie wir die Wärmepumpen dort integriert bekommen. Oder ein anderes Beispiel: Arealnetze für die Ladung von Elektrobussen planen und in Betrieb nehmen. Das sind ganz praktische technische Projekte: Wie kriegen wir die Anlagen konkret versorgt? Genau an diesen Punkten sehe ich ganz deutlich, dass die fossilen Brennstoffe konsequent verdrängt werden.
Interview Rüdiger Schmidt-Sodingen, HANDELSBLATT - Interview


