Kooperationen – ein neuer Trend in der Energiewirtschaft?

Kooperationen sind derzeit im Energiemarkt allgegenwärtig. Es entstehen neue gemeinsame Stadtwerke, die sich ihre Aufgaben teilen, oder neue Gemeinschaftsunternehmen, die ausgewählte Wertschöpfungsstufen zusammen an den Markt bringen. Ist das ein neuer Trend?

Die Antwort ist mit einem einfachen „Nein“ zu beantworten. Die Qualität und der Gegenstand der Kooperation haben sich jedoch im Laufe der Jahre verändert.

Vor knapp 20 Jahren war eines der herausragenden Themen bei der Liberalisierung der Energiewirtschaft die Gründung von Beschaffungs­kooperationen. Es entstanden verschiedene Gesellschaften, die den Energiehandel und die Energiebeschaffung im liberalisierten Energie­markt bündelten.

In den letzten Jahren hat CONSULECTRA verschiedene Projekte zu Ko­operationen begleitet. Heute liegt der Fokus unserer Kunden einerseits bei spezifischer Zusammenarbeit im Umfeld der IT, z. B. im Aufbau und in der Nutzung gemeinsamer Plattformen, in gemeinsam betriebenen Netzleitsystemen oder in der Weiterentwicklung von Fachapplikationen. Andererseits nehmen wir im Markt wahr, dass sich Stadtwerke und Dienstleister auf den Weg machen, ausgewählte Wertschöpfungsstufen gemeinsam zu bearbeiten und Unternehmensbereiche in gemeinsame Gesellschaften auszugründen, z. B. wettbewerbliche Messstellenbetrei-ber oder gemeinsame Netzgesellschaften.

  • Was haben wir aus den mit unseren Kunden erfolgreich durchgeführten Kooperationsprojekten gelernt?
  • Was haben wir aus den mit unseren Kunden erfolgreich durchgeführten Projekten gelernt?
  • Was sind nach unserer Einschätzung die wesentlichen Erfolgsfaktoren für Kooperationen?
  • Was muss man bei der Initiierung von Kooperationen beachten?
  • Wird sich der Trend zur Gründung von Kooperationen fortsetzen?

Definition und Leitfaden zur Entwicklung von Kooperationen

Keine Kooperation gleicht der ande­ren. Jede ist spezifisch auf die Bedürfnisse und Anforde­rungen der Partner abgestimmt. Die Motive für die Zusammenarbeit sind unter­schied­lich: der Aufbau eines gemein­samen Geschäftsmodells auf Basis höchst standardisierter Prozesse, der Zusammenschluss von Kompetenzen zur gemein­samen Weiterentwicklung von IT-Systemen oder die Sorge vor fehlenden Fachkräften in der Zukunft, die ein gemeinsames Handeln erforderlich machen.

Mit Kooperationen wollen Partner gemeinsame Ziele erreichen. Dazu müssen sie ihr Verhalten koordinieren und auf das gemeinsame Ziel ausrichten. Damit geben sie gleichzeitig ihre Unabhängigkeit auf. Die Kooperation wird dann erfolgreich umgesetzt, wenn der Nutzen durch die Koordination des Verhaltens die Aufgabe der jeweiligen Unabhängigkeit der Partner überwiegt. Sie ermöglicht gleichzeitig Auto­nomie und Abhängigkeit. Wichtig hierbei ist das Vertrauen der Partner zueinander.

Erfolgreiche Kooperationen haben eines ge­meinsam: ein verbindliches, gemeinsames Ziel und ein fest definierter Gegenstand. Darüber hinaus ist die Unterstützung der obersten Führungsebene ein essenzieller Baustein und ein verbindlicher Rahmen entscheidend für den Erfolg und ihr dauerhaftes Überleben.

Ausgehend von unseren Erfahrungen haben wir einen methodischen Leitfaden mit sieben Dimensionen für den Aufbau entwickelt, der eine Orientierung während der Gründung bietet.

 

Dimensionen des Kooperationsgegenstandes

Ziele einer Kooperation – was soll erreicht werden?

Wirkbereich – in welche Richtung soll die Kooperation wirken (Außen-/Innensicht)?

Art der Verflechtung – wie soll die Kooperation gestaltet werden?

Verbindlichkeit – womit wie Grad an Verbindlichkeit erreichen?

Zeithorizont – für welchen Zeitraum ist sie angelegt?

  

Anzahl der Partnerwer wird Teil der Kooperation?

  

Geografische Identität in welchem geografischen Raum soll sie wirken? 

  
 
Schritte zum Aufbau einer Kooperation

Verwendung des Kooperationsgegenstands

Mit Hilfe der sieben Dimensionen definieren wir den Kooperationsgegenstand. Damit ist der erste Schritt für die Gründung erfolgreich ge­meistert. Es folgt die Detailarbeit, die skizzierte Gemeinschaft zum Leben zu erwecken. Das be­ginnt mit ersten Gesprächen möglicher Partner, dem Ausprägen des Gegenstands der Zusammen­­arbeit, dem Verhandeln der erforder­lichen Absichts­erklärungen und Verträge, einem groben Zeit- und Meilen­stein­plan bis zur Gründung. Hierbei sind insbesondere Zwischenziele zu definieren, an denen sich die Partner während ihrer Gründungsphase orientieren können.

 


Parallel dazu sind gemeinsame Prozesse und Rollen zu erarbeiten, erforderliche Technolo­gien und IT-Systeme und die Kommunikation mit relevanten Gremien zu suchen und Mit­arbeitende durch proaktives Change-Manage-ment einzubinden. Das ist für jedes Vorhaben spezifisch auszuarbeiten.

 

Nachfolgend sind zwei Beispiele dargestellt, wie der Kooperationsgegenstand unterschiedlich ausgeprägt werden kann.

In Beispiel 1 sind die Merkmale einer Kooperation definiert, in der die Partner gemeinsam ihre Anforderungen gegenüber ihrem IT-Dienst­leister abstimmen und so gemeinsam die Fach­appli­kationen weiterentwickeln.

In Beispiel 2 geht es um die Gründung einer gemeinsamen Netzgesellschaft mit dem Ziel, zukünftige Risiken aus dem Fachkräftemangel zu minimieren.

Mit Hilfe unseres Leitfadens validieren wir im Verlauf der Gründung regelmäßig das gemein­same Verständnis der Partner über die Ziele.

Während der Gestaltung der Kooperation kann eine Verschiebung des Kooperations­gegen­­stands erforderlich werden, z. B., sobald sich bei den jeweiligen Partnern Veränderungen auf der Führungsebene ergeben, sich durch neue Erkenntnisse aus der Zusammenarbeit die Ziele verschieben oder neue Partner aufgenommen werden. Dann sollte dieser Gegenstand erneut evaluiert werden. Dazu ist im ersten Schritt kein großer Aufwand erforderlich.

Zentrale Stakeholder definieren unabhängig voneinander ihre Merkmale der Kooperation anhand unseres Bewertungsschemas in kurzer Zeit. Werden Abweichungen in den Merkmalen zwischen den Partnern identifiziert, müssen diese einvernehmlich geklärt und ggf. muss der Kooperationsgegenstand justiert werden. Damit wird sichergestellt, dass die gemeinsam vereinbarten Ziele ihre Gültigkeit behalten.

Beispiel 1: Projektbeispiel Dimensionen für ein gemeinsames Anforderungsmanagement
Beispiel 2: Projektbeispiel Dimensionen für die Gründung einer gemeinsamen Netzgesellschaft

Erfolgsfaktoren für Kooperationen

Kooperationen sind zur Bewältigung der komplexen Aufgaben bei der Transformation unseres Energiesystems an geeigneten Stellen auch in Zukunft unerlässlich. Sie zu gründen und langfristig durch eine solide Vertrauensbasis am Markt zu etablieren, erfordert die Aufmerksamkeit und den Willen des Topmanagements, ein hohes Durch­halte­vermögen der Initiatoren und den oder die richtigen Partner.

Aus unseren Erfahrungen konnten wir bislang folgende Erfolgsfaktoren identifizieren:

  • permanente Unterstützung durch die Führungs­ebenen
  • transparent dokumentierter Kooperations­­gegen­stand
  • klar dokumentierte Ziele und Zwischenziele
  • stabiler rechtlicher Rahmen
  • Vertrauen und Kommunikation auf Augenhöhe
  • harmonisierte Prozesse, Rollen und Regeln
  • Moderation und Organi­sa­tion des Koopera­tions­prozesses ohne Interessenskonflikte
  • proaktives Change-Management zur Einbindung der Mitarbeitenden (Verankern in der Organi­sation zur Sicherstellung langfristiger Stabilität)
  • gemeinsame Veranstaltung anlässlich der Gründung der Kooperation.


Kooperationen sind kein vollständig neuer Trend in der Energiewirtschaft. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Komplexität in den Prozessen und dem bevorstehenden Fachkräfte­mangel sind sie für die Zukunft von hoher Bedeutung und unterscheiden sich in ihrem Kooperationsgegenstand von denen zu Beginn der Liberalisierung.

 

 

 

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